
Kalligrafie ist eine uralte Handwerkskunst, und noch heute verbinden wir damit vergangene Zeiten. Ein selbstgeschriebenes Werk in den Händen zu halten, hinterlässt einen ganz anderen Eindruck als ein ausgedruckter, computergeschriebener Text – oder gar ein Text auf dem Bildschirm. Doch manchmal braucht ein Werk mehr als nur schöne Schrift und besondere Haptik, um seine einzigartige Wirkung zu entfalten: Auch die Optik kann unterstreichen, dass es sich etwas Überliefertes, etwas Altes und/oder Wertvolles handelt.
Und dies gelingt, indem man auch das Papier optisch altern lässt. Wie du dies selbst bewerkstelligen kannst, erfährst du im Folgenden.
Dieses Material benötigst du
- Helles Papier deiner Wahl (dazu unten mehr)
- einen flachen Teller o. Ä.
- eine Unterlage, auf der das Papier trocknen kann
- Kaffee (alternativ: schwarzer Tee; im Folgenden ist nur von Kaffee die Rede)
- ggf. Haarspray oder Aquarell-Fixativ
Klingt abenteuerlich? Hat alles seinen Sinn 😉
So lässt du dein Papier optisch altern

Ausgangssituation: Ich habe verschiedene Papiere verwendet, von dünnem Tonpapier über verschiedenschweres Aquarellpapier bis hin zu Bütten- und handgeschöpftem Papier. Jeweils eine Kante der Papierstücke habe ich gerissen. Einige der Stücke waren hochweiß, die meisten eher cremefarben.
Brüh dir einen Kaffee auf. Ist dein Papier relativ klein, reicht wenig Flüssigkeit. Je größer die Papierfläche, desto mehr Flüssigkeit benötigst du.


Gib den Kaffee auf einen flachen Teller.
Leg dein Papier hinein und sorge dafür, dass es überall gut mit Kaffee bedeckt ist. Sollte das Papier größer sein als deine Kaffeepfütze, ziehe es vorsichtig durch die Flüssigkeit, bis jede Stelle mit dem Kaffee in Berührung gekommen ist. Achtung: Lass das Papier nicht zu lange im Kaffee liegen: Je durchweichter es ist, desto leichter reißt es.


Lege das Papier auf eine flache, gerade Oberfläche, auf der es gut trocknen kann. Wenn du das Gefühl hast, dass einige Stellen im Papier noch nicht ausreichend durchfeuchtet sind, träufel noch ein wenig Kaffee auf dieses Stellen.
Lass dein Papier trocknen. Dies kann einige Stunden dauern.

Wenn dein Papier trocken ist, wirst du feststellen: Es ist leicht bräunlich und wellig. An den Rändern ist es etwas dunkler, es hat vielleicht sogar Flecken und ist ganz und gar nicht gleichmäßig getönt – und genau das macht den Charme deines Papiers nun aus.
Fazit: So reagieren die unterschiedlichen Papiere

Meine Probestücke sind exakt so geworden wie gerade beschrieben. Ich habe sie ca. 20 Stunden trocknen lassen und Folgendes festgestellt: Aquarellpapier färbt sich eher sehr gleichmäßig (so z. B. der schmale Streifen unten), handgeschöpftes Papier (oben rechts) verträgt nicht viel Kaffee, bevor die Papierfasern sich aufrichten (daher die ungleichmäßige Färbung. Dünneres Papier wellt sich eher als dickeres Papier. Die Rückseiten aller Papierstücke – also die Seiten, mit denen sie zum Trocknen glatt auf einer Oberfläche lagen – haben sich deutlich gleichmäßiger verfärbt. Ob die Kanten gerissen waren oder nicht, hat bei diesen Stücken keinen Unterschied gezeigt, hier habe ich aber auch schon andere Erfahrungen gemacht.

Grundsätzlich kannst du jedes Papier für diese Methode verwenden, die Wirkung unterscheidet sich jedoch stark nach Art und Farbe. So nimmt Aquarellpapier die Flüssigkeit und damit die Färbung weniger gut an als Papier ohne oder mit weniger Leimung. Dünneres Papier schlägt nach dem Trocknen mehr Wellen als dickeres Papier. Bei handgeschöpftem Papier können sich die Papierfasern wieder lösen. Je dunkler das Papier, desto weniger Effekt wird erreicht. Und, und, und … Probiere es am besten selbst einmal aus!
So schreibst du nach der optischen Alterung auf dem Papier
Je nachdem, was für Papier du verwendet hast, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich die Schreibeigenschaften verändert haben. Konntest du es zuvor problemlos auch mit wasserbasierten Tinten beschreiben, ohne dass diese ausgeblutet wären, ist dies nun womöglich nicht mehr der Fall. Um die neuen Schreibeigenschaften zu testen, empfehle ich dir, nicht nur dein Werkpapier mit Kaffee zu behandeln, sondern noch ein weiteres Stück dieses Papiers als Probepapier herzustellen. Solltest du feststellen, dass die Tinte ausblutet, habe ich zwei Tipps für dich:
Was tun, wenn die Tinte ausblutet
- Versuche es mit anderer Tinte oder Tusche. Gute Erfahrungen mache ich in der Regel mit Gouache. Diese kannst du in der Farbe deiner Wahl mischen (mehr dazu erfährst du in meinem Blog-Artikel über Tinten und Tuschen).
- Sollte auch Gouache hier an ihre Grenzen kommen, versiegle dein Papier bzw. die Papierporen, die sich durch die Behandlung mit dem Kaffee geöffnet haben. Dazu sprühst du dein Papier aus einer Entfernung von ca. 30 cm mit Haarspray oder Aquarell-Fixativ ein. Lass es anschließend gut trocknen. Nun solltest du keine Probleme mehr mit der Beschriftung haben. Achtung: Auch dies solltest du auf einem Probepapier testen, denn es kann vorkommen, dass das Haarspray Flecken auf dem Papier hinterlässt.
Weitere Methoden
Natürlich gibt es nicht nur diese eine Methode, um Papier optisch altern zu lassen, doch sie hat sich bei mir schon oft bewährt. Die folgenden Möglichkeiten habe ich selbst noch nicht getestet, so könnte das Papier anschließend ganz anders auf Feder und Tinte reagieren als mit der Kaffee-Methode. Hier heißt es: Versuch dich doch selbst einmal daran!
Statt mit Kaffee oder schwarzem Tee könntest du das Papier mit stark verdünnter Aquarellfarbe oder Sepia-Tusche einfärben oder es vorsichtig im Backofen trocknen; so erhält es eine unregelmäßige, leicht wellige Struktur. Genauso kannst du gezielt Wasserflecken oder dezente Sprenkel setzen. Wenn du es ins Sonnenlicht legst, bleicht das Papier aus. Einen mittelalterlichen Look bekommt das Papier, wenn du es (ganz vorsichtig!) über eine Kerzenflamme ziehst, insbesondere an den Rändern.
Ich wünsche dir ganz viel Spaß beim Austesten!


